Zum Tode von Richard
Vater, guter Freund und nicht zuletzt ein Pferdemann erster Güte
verfasst in verdankenswerter und sehr persönlicher Weise von Hanspeter Meier
Mit dem
Hinschied von Richard Kläy im August dieses Jahres ging nicht nur ein
aussergewöhnlicher Mensch von uns sondern auch eine Persönlichkeit, die
eine lange und bedeutende Epoche des Schweizerischen Pferdewesens
verkörperte. In unseren Kreisen kannte man Rich natürlich in erster
Linie als Züchter und Starter, aber seine unvergleichliche Reputation
als Pferdemann gründete in erster Linie darauf, dass er ein Allrounder
von seltenem Kaliber war.
Bekanntlich
konnte er sich noch in den letzten zwei drei Jahren an grossen Erfolgen
des im Familienbesitz stehenden Swordlestownlittle Stud vor allem mit
den Pferden Lilbourne Lad, Third Intention, Bahceli und Bobbyscot in
England und Irland erfreuen.
Ebenso grosse
Anerkennung fand er Zeit seines Lebens aber auch in allen möglichen
anderen Bereichen von Pferdesport und -zucht. Seine grosse
Bescheidenheit und seine Diskretion verbaten ihm zwar ein grosses
Auftreten in der Öffentlichkeit, aber in der Pferdewelt genoss er
überall hohe Wertschätzung. Jedenfalls erinnere ich mich gerne an die
Feier für seinen 80. Geburtstag, zu welcher sich u.a. Henri Chammartin
einfand, der sich allerdings nicht sicher war „ob ihn Richard wohl noch
kennen würde“. Der Olympiasieger musste sich dies allerdings nicht
lange fragen, weil der gegenseitige Respekt bezüglich ihres
Pferdeverstandes und Können der beiden Koryphäen überaus gross war. Uns
Rennleute kann dies besonders freuen, weil sich der Dressurreiter
Chammartin bei seiner Arbeit auf der kleinen Allmend ja manchmal wegen
der ebenfalls dort trainierenden damaligen Berner Rennreiter
echauffierte – Leute übrigens, die mit Rich ebenfalls zeitlebens
befreundet waren und auch heute noch dem Rennsport treu sind,
einerseits als Besitzerin, anderseits als Starthelfer.
Doch warum
erfasst uns Pferdeleute bei der Erinnerung an Richard Kläy derart
grosse Trauer? Einfach darum, weil man mit ihm über Alles sprechen und
sich auch über viele schöne Erlebnisse und Erfolge freuen konnte,
welche die Frucht eines Lebens waren, das voll und ganz im Dienst des
Pferdes stand. Als Bauer aus dem Bernbiet fand er natürlich schon als
Kavallerie-Rekrut zum Pferd und mit seinem Eidgenoss Würgler erzielte
er grosse Erfolge bei Militärrennen und wurde 1950 Champion der
Militärrennreiter. Mit Judika wurde er 1958-60 Sieger als Springreiter
in den Championaten für Unteroffiziere des ZKV und mit ihr bestritt er
erfolgreich auch Vielseitigkeitsprüfungen. Sein Flair für
leistungsbereite Pferde war schon von allem Anfang an offensichtlich
und er zeichnete sich auch im Umgang mit Pferden mit eigener
Persönlichkeit besonders aus.
Diese
Voraussetzungen boten eine ideale Grundlage für den Einstieg in die
Zucht und somit wurde Rich Gründungsmitglied der
Warmblutpferdezuchtgenossenschaft Bern-Mittelland. Dabei setzte er zu
Beginn schon auf den Einsatz von Vollbluthengsten, und den ersten
suchte er zusammen mit Hektor Leuenberger vom Eidgenössischen Gestüt
und dem ebenfalls unvergesslichen Gaston Delaquis. Ganz bewusst schaute
dieses Trio nach einem deutschen Hengst aus einem Gestüt mit
traditionell harten Pferden aus – also genau nach dem Rezept, das
heutzutage, etwa 40 Jahre später, in der internationalen Vollblutzucht
als der meistversprechende Tipp für die Zucht erfolgreicher und
gesunder Pferde gilt. Seelöwe aus Graditz erfüllte ihre Erwartungen und
dieser stand dann anfänglich auch in Deisswil auf Station. Später
führte diese Genossenschaft eine Deckstation im Sand, wo unter den 5-6
Hengsten immer ein Vollblüter zu finden war, bspw. Vale of Cliona,
Mykonos und Honoured Guest, letzterer mit Vermittlung durch Michael
Osborne beschafft, dem damaligen Direktor des irischen Nationalgestüts
und späteren Berater von Scheich Mohammed. Die Arbeit im Sand führte
auch zu tiefen und bleibenden Freundschaften, sowohl mit Hengstwärtern
wie Tierärzten, beispiels-weise mit dem heute in Newmarket ansässigen
Fred Barrelet und dem Schreibenden. Rich wurde darum vor langen Jahren
von Letzterem und seiner Frau auch gebeten als ihr Trauzeuge zu wirken,
woran er sich dann an jenem Freitag-Abend jedoch nicht erinnerte. Das
Fecken einer seiner Stuten im Sand war für ihn prioritär.
Erfolgreiches
Züchten basiert auf der Selektion nach Leistung und muss finanziert
werden können durch den Absatz, und auch hier war Richard Kläy ein
Pionier. Zusammen mit Samuel Kipfer baute er für die Warmblutzucht
Eignungs- und Promotionsprüfungen auf und führte Auktionen für den
Verkauf ein. Seine Weitsicht basierte insbesondere darauf, dass er dank
seiner Aufgeschlossenheit wusste, was andernorts erfolgreich war.
Bezüglich der Promotionsprüfungen bspw. hatte er sich an den cycles
classiques in Frankreich orientiert.
Zu einem etwas
späteren Zeitpunkt bauten die Berner Züchter im Umfeld von Rich ihre
Bemühungen um die Leistungsprüfung ihrer Pferde mit der Schaffung von
Ga-lopprennen für Halbblüter aus, wobei ihnen die AQPSA in Frankreich
als Vorbild dienten. Pferde, die als zwar „not pure blood“, aber „pure
in spirit“ gelten, und heut-zutage für den Hindernisrennsport auch in
Irland und England bekanntlich überaus gesucht sind.
Besonders
bemerkenswert waren in den Jahren 1966 bis 1976 die Trab-, Militär- und
Hindernisrennen auf dem Land von Rich in Deisswil, die er zusammen mit
Gaston Delaquis initiierte und mit Hilfe der Mitglieder des lokalen
Reitvereins durchführte. Es war für jedermann ein Vergnügen mit Richard
Kläy ein Projekt zu lancieren und umzusetzen. Sein Enthusiasmus war
ansteckend, nur das Wohl der Sache stand im Mittelpunkt und dem für ihn
typischen lösungsorientiertem Handeln lag sein vermittelndes Wesen
zugrunde. Seine Zusammenarbeit mit Gaston Delaquis als dem grossen Mann
im damaligen Rennsport ging dank seiner Menschlichkeit weit über das
Geschäftliche hinaus und ich mag mich noch bestens daran erinnern, wie
Rich den Gaston überreden konnte, mal die 1. August-Rede für die
Gemeinden Deisswil, Wiggiswil und Ballmoos zu halten: „Er (der Gaston)
sei schliesslich schon jedem Bauern über die Matten geritten, womit er
sowohl bekannt genug sei und mal eine Gegenleistung erbringen könne“.
In der 70er-Jahren wurde bei uns auch die
Vollblutzucht offiziell auf die Beine gestellt, bekanntlich auf Druck
seitens Frankreich, erstens wegen der mangelhaften Papiere von Bella
bei Ihrem Rekord in Longchamp 1969 und erst recht nach dem Sieg von
Munk in Auteuil 1972, welcher als „un cheval suisse inconnu“ das
franzö-sische Militär düpierte („bafoue l‘élite militaire“). Zuvor war
Munk allerdings auch in der Schweiz erfolgreich gewesen - u.a. in
Deisswil.
In diese Zeit fällt auch mein erstes Treffen
mit Rich, ins Jahr 1973, als Ruedi Wälty und ich noch als
Veterinärstudenten damit beauftragt waren, den Bestand von
Vollblutzuchtpferden zu erfassen. Wir beide kamen damals zum ersten Mal
nach Deisswil - und wir beiden haben heute je ein Pferd aus seiner
Zucht in unserem Besitz.
Richard Kläy war für viele Jahre auch Mitglied
der Zuchtkommission, und als dort bald mal erkannt wurde, dass für die
politischen Anliegen der Züchter ebenfalls eine Organisation vonnöten
ist, wurde er 1980 Mitglied bei der Gründung der Vereinigung Schweizer
Vollblutzüchter (VSV) im Bären in Zollikofen, seinem Geburtsort.
Gleich wie im Warmblutbereich, erkannte Rich
auch hier den Bedarf der finanziellen Unterstützung der Zucht, und 1985
erwuchs in Deisswil - wie gewohnt in der Küche der Familie Kläy - die
Idee der Schaffung des Inländer-Clubs, dem heutigen Club der
Turf-Freunde, dem er bis in sein letztes Lebensjahr treu blieb.
Das Engagement von Richard Kläy im Rennsport
betraf vor allem seine langjährigen Dienste als Starter, aber auch als
Besitzer, passend mit den gleichen Farben wie Lord Derby. Hier erkannte
Rich ebenfalls die Zeichen der Zeit, und mit den juristischen
Unterlagen (aus West-Australien) für solch ein Unterfangen, regte er
die Gründung von Besitzergemeinschaften an, in seinem Fall vom Stall
Grauholz.
Gleich wie mit den Pferden, für die er ein
geradezu instinktives Verständnis hatte, pflegte Richard Kläy mit
seiner Familie, seinen Mitarbeitern, Kollegen und Freunden ein
ausgesprochen vertrauensvolles und entgegenkommendes Verhältnis. Seine
Ruhe und Freundlichkeit, die er jedem Lebewesen entgegen brachte, wird
allen in tiefer Erinnerung bleibe, die je mit ihm zu tun hatten. Ebenso
seine Weitsicht und Aufgeschlossenheit, die bei einem unserer letzten
Treffen nochmals zum Ausdruck kam: „S’isch immer ä chli öppis, aber es
cha oh nöd immer glich si“.
Ja, so ist es, die Zeiten ändern sich und wir
müssen uns dieser Herausforderung stellen. Wenn wir dies in der
visionären und vermittelnden Art von Richard Kläy tun, dann wird sich
auch jedermann sehr gerne und freudig lächelnd an all das gemeinsam
Erlebte erinnern.
Hanspeter Meier, Ende August 2011

In memoriam Richard Klaey - 1 April 1926 to 19 August 2011
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